Um das in internationalen Konventionen genannte Recht auf politisches Asyl ersuchen, sagte sie.

Niemand war aufzufinden gewesen, der Drögemüller hätte beistehen können.

In dieser Nacht aber bereitete sich in einer der Zellen, deren Luke erhellt war, Bischoff auf ihren Auszug vor. Am Abend hatte der Verhörsleiter sie gefragt, was sie sagen würde, wenn man sie frei ließe. Sie hatte erst nicht geantwortet, weil sie die Mitteilung, die ohne Vorbereitung kam, für irgendeine List hielt. Dann wurde der Bescheid jedoch wiederholt, dass sie am kommenden Morgen das Gefängnis verlassen dürfe. Plötzlich also wurde ihr die Bleibe gewährt. Aus ihrer Begnadigung und der Verurteilung, die dem anderen Häftling zugekommen war, sprach die gleiche Fühllosigkeit, wie sie dort entsteht, wo uneingeschränkt über Leben und Tod entschieden werden darf. Sie konnte gegenüber der Willkür des Verfahrens keine Dankbarkeit empfinden. Im Gespräch mit dem Beamten wurde das Versteckspiel noch eine Weile fortgesetzt.

Was sie nun als Staatenlose zu tun gedenke, lautete die Frage.

Um das in internationalen Konventionen genannte Recht auf politisches Asyl ersuchen, sagte sie.

Und wozu, wurde gefragt, sie ein solches Asyl benutzen wolle?

Um eine Arbeit auszuführen, gleich, welcher Art.

Eine politische Arbeit?, fragte der Kommissar.

Sie wisse, sagte sie, dass politische Betätigung Ausländern verboten sei.

Die Papiere für das Gesuch um Aufenthaltsbewilligung lagen schon vor ihr auf dem Tisch. Daneben war ein Brief mit dem Stempel der deutschen Staatspolizei zu sehen. Der Brief enthielt die Mitteilung, dass sie ausgebürgert worden sei. Der Beamte schob ihr die Formulare zu.

Sie unterschrieb alles, was zu unterschreiben war. Sie bestätigte, dass sie der Meldepflicht nachkommen werde. Sie fragte nicht, wer ihre Freilassung erwirkt hatte, solche Fragen wurden in ihrem Beruf nicht gestellt.

Der Kommissar gab zu verstehen, dass ihn das Ausbleiben von Äußerungen der Freude verwundere. Seine Reaktion war geprägt von einer scheinbaren Kindlichkeit, nichts von Grausamkeit war seinem Gesicht abzulesen.

Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

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3 Gedanken zu “Um das in internationalen Konventionen genannte Recht auf politisches Asyl ersuchen, sagte sie.

  1. Manfred Voita 4. September 2015 / 16:00

    Da habe ich schon lange nicht mehr gestöbert. Die heben immer wieder einmal einen Schatz. Auch Arno Schmidt war dort schon zu hören. Danke.

    Gefällt 1 Person

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