Thomas Bernhard: Auslöschung

Aber nicht nur in den sogenannten höheren Ständen wird die Arbeit heute meistens nurmehr noch geschauspielert, denn wirklich getan, auch unter dem sogenannten einfachen Volk ist diese Schauspielerei weit verbreitet, die Leute schauspielern an allen Ecken und Enden Arbeit, schauspielern Tätigkeit, wo sie in Wirklichkeit nichts als faulenzen und gar nichts tun und meistens auch noch, anstatt sich nützlich zu machen, den größten Schaden anrichten. (74f.)

Um etwas begreiflich zu machen, müssen wir übertreiben, hatte ich zu ihm gesagt, nur die Übertreibung macht anschaulich, auch die Gefahr, dass wir zum Narren erklärt werden, stört uns in höherem Alter nicht mehr. Es gibt nichts Besseres, als in höherem Alter zum Narren ernannt zu sein. (101f.)

Wolfsegg ist mir absolut unmöglich geworden, hatte ich zu Gambetti gesagt. Es ist eine Atmosphäre zum Ersticken. Zum Amoklaufen!, hatte ich ihm gegenüber ausgerufen. (107)

In erster Linie hast du dich von den Deinigen vollkommen frei zu machen, hatte mein Onkel Georg gesagt, dich vollkommen selbständig zu machen, zuerst innerlich, dann auch äußerlich. … Und du musst selbstverständlich aus Wolfsegg weggehen, hatte er gesagt. … aber ich mache dich darauf aufmerksam, der Preis dafür ist der Höchstpreis. Diesen Höchstpreis hat du zu bezahlen. (109)

Meine Eltern hatten mich, in dem Glauben, mich zu erziehen, in Wahrheit zerstört, wie sie meinen Bruder Johannes zerstört haben und meine Schwestern. Wo sie Erziehung gesagt haben, hätten sie besser Zerstörung sagen sollen, sie hatten mit ihrer Erziehung, die, wie gesagt, nichts anderes gewesen ist, als eine Zerstörung, alles in meinem Kopf bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, wie in anderem Zusammenhang immer gesagt wird. (111)

Menschen, die auf der Nordseite aufwachsen, sind auch im späteren Leben sogenannte Nachteilsmenschen, hatte ich zu Gambetti gesagt, sie bleiben solche Nachteilsmenschen ihr ganzes Leben. Die Nordseite war auch im Sommer nicht angenehm, denn sie erwärmte sich nie, die Mauern in Wolfsegg, ob im Norden oder Süden gelegen, erwärmen sich nie, sind immer kalt, gefährlich, wenn man ihnen zu nahe kommt. (138f.)

Wir sind durch die Erziehungsmethoden, Abhärtungsmethoden unseres Vaters nicht abgehärtet, sondern besonders empfindlich geworden, hatte ich zu Gambetti gesagt. Unser Vater hatte mit seiner Abhärtungsmethode genau das Gegenteil erreicht, wir waren immer viel kränker als jene, die keiner sogenannten Abhärtungsmethode unterzogen waren … (142f.)

Das einzige, das ich schon endgültig im Kopf habe, hatte ich zu Gambetti gesagt, ist der Titel Auslöschung, denn mein Bericht ist zur dazu da, das in ihm Beschriebene auszulöschen, alles auszulöschen, das ich unter Wolfsegg verstehe, und alles, das Wolfsegg ist, alles, Gambetti, verstehen Sie mich, wirklich und tatsächlich alles. Nach diesem Bericht muss alles, das Wolfsegg ist, ausgelöscht sein. (155f.)

Wir ziehen alle möglichen Gründe, mit einer solchen Arbeit nicht anfangen zu müssen, heran, wir kramen alle nur möglichen Ausreden aus, wir rufen alle möglichen Geister, die alle nur böse Geister sein können an, um nicht anfangen zu müssen, wo wir anfangen sollten. Das ist die Tragödie dessen, der etwas aufschreiben will, dass er immer wieder die Verhinderer seines Aufschreibens anruft, hatte ich zu Gambetti gesagt, die Tragödie, die gleichzeitig eine perfekte und perfide Komödie ist. (157)

Dieser katholisch-nationalsozialistische Geist, wenn ich das Wort Geist in diesem Zusammenhang, weil ich nicht anders kann, schon einer solchen Beschmutzung auszusetzen gezwungen bin, hatte ich zu Gambetti gesagt, herrschte immer in Wolfsegg … Ich selbst habe ich mich diesem Geist entzogen, Gambetti, wenngleich ich auch lebenslänglich diesen Kampf zu kämpfen haben werde, weil dieser Geist ein angeborener ist und die angeborenen Geister wird man entweder gar nicht mehr, oder nur auf die fürchterlichste Weise zwar immer wieder, aber wahrscheinlich niemals endgültig los, Gambetti. (229f.)

Ich sehne mich immer nach dem Alleinsein, aber bin ich allein, bin ich der unglücklichste Mensch. Ich ertrage das Alleinsein nicht und rede fortwährend davon, ich predige das Alleinsein und hasse es zutiefst, weil es wie nichts sonst unglücklich macht, wie ich weiß, wie ich jetzt schon zu spüren bekomme, ich predige beispielsweise Gambetti gegenüber das Alleinsein und weiß ganz genau, dass das Alleinsein die furchtbarste aller Strafen ist. (240f.)

…  ich fahre in die Hölle zurück, hatte ich zu Gambetti gesagt, noch morgen früh um fünf, entsetzlich hatte ich auch noch gesagt zu ihm und dabei nicht bedacht, beziehungsweise nicht darauf Rücksicht genommen, dass diese Bemerkungen vollkommen überflüssig und im Grunde gemein und wenigstens unstatthaft gewesen sind, … (246)

… aber ich kann mich niemals verleugnen, ich muss mich geben, wie ich bin, wie ich angelegt worden bin eben von diesen meinen Eltern, habe ich mir auf dem Weg über den Dorfplatz gedacht. Wenn die Leute mich sehen, werden sie denken, dieser Mensch ist immer schon merkwürdig gewesen, er geht zuerst und noch bevor er die Seinigen oben in Wolfsegg begrüßt hat, über den Dorfplatz, der Ungezogene, der Abtrünnige, der Ungeliebte. (247)

Da der Pfarrer leicht betrunken gewesen war, hatte seine weihevolle Amtshandlung etwas Improvisiertes … Da er auch den Namen des Bräutigams nicht behalten hatte, musste er auch um diesen bitten … Ich hatte bei dieser Gelegenheit gute Lust gehabt, anstatt des Namens meines zukünftigen Schwagers, einfach das Wort Weinflaschenstöpselfabrikant über die Köpfe in die Kapelle hineinzurufen, aber ich hatte mich im allerletzten Moment beherrschen können. Diese Niedertracht meinerseits ist also mein Geheimnis geblieben, dachte ich. (271f.)

Mein Vater liebte den Traktor … soweit hat es kommen müssen, dass ich nurmehr noch auf dem Traktor allein und glücklich sein kann, hat er einmal zu mir gesagt. Der Sohn, mein Bruder Johannes, dagegen, hatte oft davon gesprochen, ins Auto steigen zu müssen, um aufatmen und seinen Gedanken nachgehen zu können, was immer das für ihn bedeutete, es deprimierte mich, das von ihm zu hören, es für die Wahrheit nehmen zu müssen. Mein Bruder wird immer mehr zu meinem Vater, habe ich oft gedacht. … es dauert nicht mehr lange, habe ich bei der Hochzeit gedacht, und er ist unser Vater. (S. 276)

Diese Leute geben sich fortwährend als die Gemütlichkeit selbst, als Weinkenner, als der Witzkumpan, hatte ich zu Gambetti gesagt, aber sind im Grunde alles eher als gemütlich, denn sie fordern die Gemütlichkeit um jeden Preis und sind unerbittlich, wenn man sich ihrer Gemütlichkeit verweigert, dann schlägt alles in ihnen in Hass um, hatte ich zu Gambetti gesagt. Mit ihrer Gemütlichkeit unterdrücken und unterjochen sie ihre Umwelt und machen den Platz, auf welchem sie unter allen Umständen Gemütlichkeit haben wollen, zur Hölle. (376)

Mein lieber Gambetti, habe ich zu diesem am Telefon gesagt, Sie wissen ja nicht, was auf mich zukommt, denn Sie wissen ja nicht, was Wolfsegg ist, ich hörte es jetzt deutlich, während der Schwager noch immer von den Zeitungen gefesselt und von dem darin beschriebenen Unglück, wie ich sehen konnte, fasziniert war, hörte ich mich zu Gambetti den Satz sagen: Wolfsegg wird mich nicht umbringen, dafür sorge ich schon, … (378)

Der Schwager entstammt einer Familie, deren Vorfahren zuerst Bauern, dann Kleinstadtleute gewesen sind mit dem Ehrgeiz nach oben, was immer das heißt, … Diese Leute setzen schließlich beinahe alles aufs Spiel, um aus sich selbst herauszukommen und kommen auch dann nicht aus sich heraus, weil es ihnen an der notwendigen Geistesenergie völlig fehlt, … Dann sitzen sie auf einmal, wie der Schwager jetzt, auf dem Trockenen und wissen überhaupt nichts mehr mit der Welt und mit sich selbst anzufangen und gehen in dieser Verfassung allen auf die Nerven. (379)

Alle hätten selbstverständlich gleich bei ihrer Ankunft nach mir gefragt, noch bevor sie in die Orangerie gegangen sind, um den Eltern und dem Bruder sozusagen die letzte Ehre zu erweisen, ich hätte mich allen diesen Leuten auf feige Weise entzogen, mich versteckt, einmal hätten sie mich da gesucht, einmal dort, mich fortwährend auch suchen lassen, aber ich hätte mich, wie es meine Art schon immer gewesen sei, der naturgemäß lästigen Prozedur durch ein ganz und gar abgefeimtes Versteckspiel entzogen. … Den Gefallen habe ich euch nicht gemacht, sagte ich zu den Schwestern, dazu war ich nicht fähig. (414f.)

… ich bin aber immer der Unbeherrschte gewesen, sagte ich, der Unberechenbare, der immer damit gerechnet hat, dass mein sein Unbeherrschtsein versteht. Sein Unberechenbarsein. Und die damit verbundene Rücksichtslosigkeit. Aber das ist natürlich zuviel verlangt, sagte ich zu den Schwestern. Aber in Rom bin ich ganz anders, sagte ich, da bin ich nicht so aufgeregt, nicht so unbeherrscht, auch nicht so unberechenbar. Rom beruhigt mich, Wolfsegg bringt mich auf. (417)

Das ganze deutsche Volk nimmt Goethe ein und fühlt sich gesund. Aber Goethe ist ein Scharlatan, wie die Heilpraktiker Scharlatane sind und die Goethesche Dichtung und Philosophie die größte Scharlatanerie der Deutschen.. … Goethe ist der Totengräber des deutschen Geistes, habe ich zu Gambetti gesagt. Wenn wir ihm Voltaire, Descartes, Pascal entgegensetzen zum Beispiel, habe ich zu Gambetti gesagt, Kant, aber natürlich auch Shakespeare, ist Goethe erschreckend klein. Dichterfürst, war für ein lächerlicher, dazu aber grunddeutscher Begriff, hatte ich zu Gambetti gesagt. Hölderlin ist der große Lyriker, hatte ich zu Gambetti gesagt, Musil ist der große Prosaschreiber und Kleist ist der große Dramatiker, Goethe ist es dreimal nicht. (450f.)

Ich zog mehrere Leitzordner heraus, blätterte darin, aber ich fand den entsprechend tödlichen für mich nicht, denn mir fiel ein, dass meine Mutter einmal zu mir gesagt hat, ich müsse augenblicklich tot umfallen, wenn ich sehen würde, wie hoch die Summe schon sein, die sie für mich ausgegeben haben. Für den Nichtsnutz, dachte ich, als den sie mich immer bezeichnet haben, den, der Wolfsegg für seine zweifelhaften, ja ekelhaften Zwecke missbraucht, für seine ekelhaften Geisteszwecke, wie ich dachte. Der Herr Sohn geht in Rom spazieren während wir hier schwer arbeiten, hat mein Vater zu allen Leuten gesagt, wenn er mir feindlich gesinnt war … (471f.)

Nein, nein, mein Büro wird dieses nicht sein, dachte ich. Ich werde mich von den Leitzordnern nicht beherrschen lassen. Millionen sind von Leitzordnern beherrscht und kommen aus dieser demütigenden Beherrschung nicht mehr heraus, dachte ich. Millionen sind von diesen Leitzordnern unterdrückt. … Selbst die Literatur der Deutschen ist eine von den Leitzordnern unterdrückte, habe ich zu Gambetti einmal gesagt. … Es ist eine lächerliche Büroliteratur, die von Leitzordnern diktiert ist, so jedenfalls komme es mir jedesmal vor, wenn ich ein heute geschriebenes Buch lese. Alle diese Bücher seien von einer grenzenlosen Erbärmlichkeit habe ich zu Gambetti gesagt, weil sie aus dem Kopf von Leuten kommen, die sich vollkommen von den Leitzordnern beherrschen lassen, lebenslänglich, Gambetti, habe ich gesagt. Eine kleinbürgerliche Beamtenliteratur haben wir vor uns, wenn wir die deutsche Literatur vor uns haben, auch die großen Beispiel dieser deutschen Literatur sind nichts anderes, Gambetti, Thomas Mann, ja selbst Musil, sagte ich, den ich von allen diesen Beamenliteraturerzeugern noch an die erste Stelle setze. Aber auch Musil hat nichts anderes geschrieben, als eine erbärmliche Beamtenliteratur. (474f.)

Wir steigern uns oft in eine Übertreibung derartig hinein, habe ich zu Gambetti später gesagt, dass wir diese Übertreibung dann für die einzige folgerichtige Tatsache halten und die eigentliche Tatsache gar nicht mehr wahrnehmen, nur die maßlos in die Höhe getriebene Übertreibung. Mit diesem Übertreibungsfanatismus habe ich mich schon immer befriedigt, habe ich zu Gambetti gesagt. Er ist manchmal die einzige Möglichkeit, wenn ich diesen Übertreibungsfanatismus nämlich zur Übertreibungskunst gemacht habe, mich aus der Armseligkeit meiner Verfassung zu retten, aus meinem Geistesüberdruss, habe ich zu Gambetti gesagt. Meine Übertreibungskunst habe ich so weit geschult, dass ich mich ohne weiteres den größten Übertreibungskünstler der mir bekannt ist, nennen kann. Ich kenne keinen andern. Kein Mensch hat seine Übertreibungskunst jemals so auf die Spitze getrieben, habe ich zu Gambetti gesagt, und darauf, dass ich, wenn man mich kurzerhand einmal fragen wollte, was ich denn eigentlich und insgeheim sei, doch darauf nur antworten könne, der größte Übertreibungskünstler, der mir bekannt ist. Darauf ist Gambetti wieder in sein Gambettilachen ausgebrochen und hat mich mit seinem Gambettilachen angesteckt, so lachten wir beide auf dem Pincio an diesem Nachmittag, wie wir noch niemals vorher gelacht hatten. Aber auch dieser Satz ist natürlich wieder eine Übetrreibung, denke ich jetzt, während ich ihn aufschreibe, und Kennzeichen meiner Übertreibungskunst. (477f.)

Entziehen, sich allem entziehen, dachte ich, ich hatte keinen anderen Gedanken mehr. (504)

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2 Gedanken zu “Thomas Bernhard: Auslöschung

    • kaschpar 31. Juli 2015 / 19:35

      das ist das schönste, was Sie mir nach diesem (gekürzten) zitiermarathon sagen konnten! ich hab die auslöschung vor ein paar jahren zufällig aus einem bibliotheksregal gezogen und drei wochen später unverrichteter dinge wieder zurückgebracht – es war wohl die letzte große arbeit, vielleicht lags daran – guter einstieg (z.b.): die autobiografien (die ursache)

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